Monday, 28 September 2015

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Der Wal

Schon im Mutterleib, als seine Augen noch geschlossen waren, probierte er seine Flossen aus. Langsam wurde es ihm zu unangenehm dort drin, er wollte die Welt sehen. Monatelang hatte die Mutter ihn ernährt, jetzt sollte er für sich selbst sorgen. Immer weiter öffnete sich der Weg in die Unabhängigkeit. Und plötzlich schlüpfte er hinaus. Das Meerwasser war kalt, aber erfrischend, nur die Nabelschnur verband ihn noch mit der Mutter, jetzt riss auch sie.
Andere Wale bildeten einen Kreis um ihn, um Haie abzuhalten, die durch das blutige Nährwasser angelockt worden waren. Sanft schwamm die Mutter unter ihn, um ihm an die Wasseroberfläche zu helfen, damit er seine erste eigene Luft atmen konnte. Das frische Gas füllte seine Lungen.
Er öffnete die Augen, wollte etwas sehen, aber es blendete ihn, die Sonne schien, ein wunderschöner Sommertag, ohne auch nur eine Wolke am Himmel.
Nach ein paar Stunden begann sein Verdauungssystem zu arbeiten. Er wurde hungrig. Instinktiv suchte er die Brustwarze der Mutter, um Muttermilch zu saugen. Die ersten 6 Monate hing er fast an dieser Quelle seiner Nahrung, dann begann er langsam das Plankton des Meeres zu kosten und nach 18 Monaten hatte er sich an die salzige Speise aus dem Meer gewöhnt.
Immer wieder tauchte er und kam dann an die Oberfläche. Tiefer und tiefer führten die Ausflüge, immer länger konnte er unter Wasser verbringen.
Eines Tages, er war jetzt schon fast 2 Jahre alt, schwammen die älteren Wale unruhig durcheinander. Er wusste noch nicht, was passieren sollte, aber fühlte, dass Gefahr in der Nähe war. Lange blieben sie unter Wasser, dann musste er Luft schnappen. Hoch schoss das Wasser aus seinem Luftloch am Rücken. Stimmen ließen sich hören: „Nicht darauf schießen! Der ist noch zu klein.“ Ein paar Minuten später kam seine Mutter an die Oberfläche und ein ungeheurer Knall zerriss die Luft. Aber der Schmerzschrei, der kurz darauf durchs Wasser drang, zerriss sein Herz. Andere Wale kamen auf ihn zu, und trieben ihn vor sich her, weg von diesem Ort. Noch lange Zeit viele Kilometer weit ließen sich die Schreie seiner Mutter hören, dann wurde es still. Die Wale schwammen noch immer in vollem Tempo weiter. Keiner der Alten wollte ihm antworten.
Irgendwann wurden sie dann endlich langsamer. Oft musste er Luft schnappen, ausgelaugt ließ er sich vom Wasserstrom treiben. Die Älteren stützten ihn, aber seine Mutter sah er nie wieder. Noch oft sollte er kopfüber flüchten und oft verschwand einer aus der Gruppe.
Aber er sah auch viele schöne Dinge, schöne Walweibchen, war verliebt, schmiegte sich an sie und ein Jahr später schlüpfte ein kleiner Wal aus dem Weibchen.
Er war jetzt der Älteste in der Gruppe. 80 Jahre sollte er leben und als er schwächer wurde halfen ihm Jüngere an die Wasseroberfläche. Dann verlor er sein Bewusstsein und sank in die Tiefe.
Von dem, was danach auf dem Grund des Meeres in 2000 Metern passieren sollte, fühlte er nichts mehr. Zuerst kamen die Haie und bissen große Stücke aus ihm heraus. Seine Haut wirkte auf ihr Verdauungssystem wie Hülsenfrüchte auf das menschliche. „Jedes Böhnchen gibt ein Tönchen.“ Bakterien fingen diese Abgase auf und verarbeiteten sie. Natürlich produzierten diese Aasfresser auch Kot in kurzer Entfernung zu seiner Leiche. Schnecken und Würmer machen sich darüber her. Als nur noch die Knochen und ähnliche Überreste geblieben waren, kamen Krabben, Krebse und anderes Kleingetier, um sich daran zu leiben. Bis er am Ende ganz verschwand, hatte er noch 80 Jahre als Nahrung gedient.

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