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Der Wal
Schon im Mutterleib, als seine Augen noch geschlossen
waren, probierte er seine Flossen aus. Langsam wurde es ihm zu unangenehm
dort drin, er wollte die Welt sehen. Monatelang hatte die Mutter ihn ernährt,
jetzt sollte er für sich selbst sorgen. Immer weiter öffnete sich der Weg in
die Unabhängigkeit. Und plötzlich schlüpfte er hinaus. Das Meerwasser war
kalt, aber erfrischend, nur die Nabelschnur verband ihn noch mit der Mutter,
jetzt riss auch sie.
Andere Wale bildeten einen Kreis um ihn, um Haie
abzuhalten, die durch das blutige Nährwasser angelockt worden waren. Sanft
schwamm die Mutter unter ihn, um ihm an die Wasseroberfläche zu helfen, damit
er seine erste eigene Luft atmen konnte. Das frische Gas füllte seine Lungen.
Er öffnete die Augen, wollte etwas sehen, aber es
blendete ihn, die Sonne schien, ein wunderschöner Sommertag, ohne auch nur
eine Wolke am Himmel.
Nach ein paar Stunden begann sein Verdauungssystem zu
arbeiten. Er wurde hungrig. Instinktiv suchte er die Brustwarze der Mutter,
um Muttermilch zu saugen. Die ersten 6 Monate hing er fast an dieser Quelle
seiner Nahrung, dann begann er langsam das Plankton des Meeres zu kosten und
nach 18 Monaten hatte er sich an die salzige Speise aus dem Meer gewöhnt.
Immer wieder tauchte er und kam dann an die Oberfläche.
Tiefer und tiefer führten die Ausflüge, immer länger konnte er unter Wasser
verbringen.
Eines Tages, er war jetzt schon fast 2 Jahre alt,
schwammen die älteren Wale unruhig durcheinander. Er wusste noch nicht, was
passieren sollte, aber fühlte, dass Gefahr in der Nähe war. Lange blieben sie
unter Wasser, dann musste er Luft schnappen. Hoch schoss das Wasser aus
seinem Luftloch am Rücken. Stimmen ließen sich hören: „Nicht darauf schießen!
Der ist noch zu klein.“ Ein paar Minuten später kam seine Mutter an die
Oberfläche und ein ungeheurer Knall zerriss die Luft. Aber der Schmerzschrei,
der kurz darauf durchs Wasser drang, zerriss sein Herz. Andere Wale kamen auf
ihn zu, und trieben ihn vor sich her, weg von diesem Ort. Noch lange Zeit
viele Kilometer weit ließen sich die Schreie seiner Mutter hören, dann wurde
es still. Die Wale schwammen noch immer in vollem Tempo weiter. Keiner der
Alten wollte ihm antworten.
Irgendwann wurden sie dann endlich langsamer. Oft musste
er Luft schnappen, ausgelaugt ließ er sich vom Wasserstrom treiben. Die
Älteren stützten ihn, aber seine Mutter sah er nie wieder. Noch oft sollte er
kopfüber flüchten und oft verschwand einer aus der Gruppe.
Aber er sah auch viele schöne Dinge, schöne Walweibchen,
war verliebt, schmiegte sich an sie und ein Jahr später schlüpfte ein kleiner
Wal aus dem Weibchen.
Er war jetzt der Älteste in der Gruppe. 80 Jahre sollte
er leben und als er schwächer wurde halfen ihm Jüngere an die
Wasseroberfläche. Dann verlor er sein Bewusstsein und sank in die Tiefe.
Von dem, was danach auf dem Grund des Meeres in 2000
Metern passieren sollte, fühlte er nichts mehr. Zuerst kamen die Haie und
bissen große Stücke aus ihm heraus. Seine Haut wirkte auf ihr
Verdauungssystem wie Hülsenfrüchte auf das menschliche. „Jedes Böhnchen gibt
ein Tönchen.“ Bakterien fingen diese Abgase auf und verarbeiteten sie.
Natürlich produzierten diese Aasfresser auch Kot in kurzer Entfernung zu
seiner Leiche. Schnecken und Würmer machen sich darüber her. Als nur noch die
Knochen und ähnliche Überreste geblieben waren, kamen Krabben, Krebse und
anderes Kleingetier, um sich daran zu leiben. Bis er am Ende ganz verschwand,
hatte er noch 80 Jahre als Nahrung gedient.
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Der Wal
Monday, 28 September 2015
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